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Wie angekündigt, kommt hier das erste von zwei Interviews, die ich den Hauptdarstellern unseres Vampirkurzfilms Mimikry gestellt habe: Michael Bernhard und Malin Steffen. Das Ganze ist eine kleine Einstimmung auf eine gute Nachricht, die es demnächst bezüglich des Films zu verkünden gibt. Und den Auftakt macht Michael Bernhard.

Als ich Michael Bernhard 2010 das erste Mal traf, trug er Strumpfhosen.

Hierbei handelte es sich nicht um einen ausgefallenen Modefetisch – es war Teil seiner Vorbereitung auf das Casting zur Titelrolle in unserem Superhelden-Schrägstich-Romantic Comedy-Kurzfilm Ein Abend mit Captain Omega (der aus Zeit- und Finanzierungsgründen immer noch auf der Wartebank sitzt. Aber was lange währt … ihr kennt den Rest).

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber sowas nenne ich Einsatz!

Daher habe ich mich nicht nur sehr gefreut, als Michael – ein Jahr später – die männliche Hauptrolle in Mimikry übernehmen wollte. Nein, meine Freude wurde umso größer, als er auch noch Malin für den weiblichen Gegenpart vorschlug. Das Casting war perfekt und ich sehr, sehr froh darüber.

Wenn man im Lexikon unter „Professionalität“ und „Arbeitseinsatz“ nachschlägt, findet man ein Foto von Michael. Oder zumindest sollte man das.Wenn die Welt perfekt wäre.

Als wir den Film drehten – in zwei kalten Aprilnächten –, kam er direkt von einem zehn-Stunden-Tag am Theater, ohne auch nur das geringste Anzeichen von Müdigkeit oder Stress zu zeigen. Im Gegenteil, er gab mir auch noch den tausendsten Take und verlangte sogar noch Nachschlag. Nicht, dass so viele Takes überhaupt notwendig gewesen wären.

Während ich die Szenen über meinen kleinen Watchman-Monitor verfolgte, bekam ich das Grinsen nicht von meinem Gesicht. Es gibt im Film einige sehr subtile Bewegungen in Michaels Mimoplastik (wie wir in der Branche sagen), die mich auch heute noch sehr glücklich machen. Ehrlich, als Erstlingsregisseur hätte ich mir keinen besseren Hauptdarsteller wünschen können.

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Hier kommt nun Michael Bernhard in seinen eigenen Worten:

In drei Sätzen: erzähl uns wer du bist und was du machst.

Nach meiner Ausbildung zum Steuerfachangestellten und einem freiwillig verlängerten Wehrdienst habe ich in Hamburg Schauspiel studiert. Ich habe auf einigen Bühnen in und um Hamburg, sowie in ganz Deutschland gestanden und bin hin und wieder im Fernsehen zu sehen. Ab Anfang Oktober stehe ich wieder als „Richard Bauer“ in der Komödie „Landeier – Bauern suchen Frauen“ auf der Bühne des Packhaustheaters in Bremen,  danach, ab Mitte November, bin ich unter anderem in „Machos auf Eis“ in der Komödie Kassel zu sehen.

Was ist für dich die größte Freude an deinem Job?

Ha! Wir haben „Landeier“ grade auf dem Theaterschiff Lübeck gespielt. Das Stück ist wirklich großartig, eigentlich sogar sensationell, und da hörte ich auf der Bühne eine Frau im Publikum so herzergreifend lachen, dass mir einen kurzen Moment die Tränen in die Augen geschossen sind. Man konnte einfach hören, dass diese Frau schon lange in ihrem Leben nicht mehr so gelacht hatte. Darüber haben wir Schauspieler uns dann auch hinter der Bühne noch unterhalten. Das ist einem dann wirklich eine ganz besondere Freude. Und davon kann man auch als Künstler lange zehren.

Was war der Moment, in dem Du wusstest „Gott, das will ich für den Rest meines Lebens machen!“?

Wow… Den hatte ich noch gar nicht. Der Rest meines Lebens wird zwar jeden Tag kürzer, aber er ist noch zu lange um zu sagen, dass ich nichts anderes tun möchte. Für mich ist es so, dass ich meine Art zu spielen liebe. Aber wenn die von den Zuschauern nicht mehr gefragt sein sollte, dann muss ich etwas anderes tun. Dennoch gibt es viele Dinge, die einem Schmeicheln… Positive Kritik. All die Groupies. Preisverleihungen. Autogrammanfragen. Stehende Ovationen – ich sag dir wie es ist, wenn ich mal eines davon erlebe… (lacht)

Was war für dich die größte Herausforderung in deinem Job – und wie hast du sie gemeistert?

Ich hab mal eine Rolle übernommen in einer Independent Internetserie. Die Serie wurde in Englisch produziert und ich sollte einen deutlichen New Yorker Akzent sprechen. Das Problem war, dass ich während der Endproben für ein Theaterstück darauf angesprochen wurde und überhaupt keine Zeit hatte, weil der Regisseur 28 Stunden am Tag proben wollte.
Also hab ich abgesagt, aber die Produzentin blieb hartnäckig, verschob den Dreh bis ich irgendwann weichgekocht zugesagt habe. Aber ich hatte so viel Energie in das Theaterstück gesteckt, dass ich nach der Premiere erst mal total leer war. Egal. Ich hab mich also auf den Film vorbereitet und bekam keinen Satz in meinen Kopf. Es ging nicht. Egal, was ich versucht habe. Ich konnte es mir nicht merken.
Ich wollte noch absagen, aber es war zu spät. Und hängen lassen wollte ich sie auf gar keinen Fall. Und am Set war es dann die Hölle… Da sehen dir dann zig Menschen dabei, zu wie Du komplett versagst. Und du bist total ausgeliefert und allein. Keiner kann dir helfen, obwohl es Gott weiß jeder versucht hat…
Wie ich es gemeistert habe? Gar nicht. Ich hatte unglaublich tolle Kollegen und eine Regisseurin, die alles getan haben, damit man das Filmchen am Ende ansehen konnte. Mir war das und ist das bis heute unendlich unangenehm und auch eine große Lehre. Ich habe gelernt, dass ich Rollen nur annehme, wenn ich Ihnen nach meinen eigenen künstlerischen Ansprüchen genügen kann.

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Gab es für dich je Momente des Selbstzweifelns, ob es wirklich dein Weg ist? Gott weiß, ich hatte in meinem Job mehr als einen davon.

Jeden Tag. Mehrfach. Es gibt kein „jetzt kann ich’s – jetzt weiß ich wie es geht“. Es ist jeden Tag ein neues Spiel. Was gestern war ist vergangen. Was morgen kommt interessiert nicht. Nur einzig der Moment ist wichtig. Das hier und jetzt. Und das ist ein einziger Zweifel. Richtig oder Falsch? Wer weiß es?
Bei jeder Rolle, die ich annehme, stellen sich irgendwann die Fragen: wirst du ihr gerecht? Erzählst du in deiner Figur, was du erzählen möchtest? Wirst du der Dramaturgie gerecht? Könntest du die Figur nicht anders (will heißen: besser) spielen?
Nur: das muss alles weg sein, wenn du auf die Bühne gehst oder vor die Kamera. Dann gibt es keinen Zweifel mehr, sondern nur noch Überzeugung. Die vollste Überzeugung. Das ist übrigens der Mut, der so oft angesprochen wird. Den Mut aufzubringen, vollkommen überzeugt von etwas zu sein, in dem Wissen, dass man sich dabei total angreifbar macht. Das geht nur durch ein intensives Rollenstudium. Ich muss in jedem Moment wissen, was meine Figur fühlt, denkt, will und wie sie dadurch handelt. Wenn es also auch manchmal nach Zufall aussieht – er ist es nicht…
Ein Kollege hat mir mal in der Umkleide einen Spruch gesagt, der mich immer weiter begleitet: „nur wer weiß was er tut, kann tun was er will“. Ist übrigens ein Zitat von Moshe Feldenkrais…
Und kaum komme ich von der Bühne, geht’s wieder los mit dem Zweifeln: „Konnte ich das transportieren was ich transportieren wollte?“

Was war die eine Rolle, die du unbedingt haben wolltest, aber nicht bekommen hast?

Da gab’s mehrere… (lacht) Aber die eine, die mir am meisten bedeutete, war aus dem Stück „Das Lied vom Sag-Sager“ von Daniel Danis. Ich wollte unbedingt „Rock“ spielen. Er ist der älteste Bruder. Wie ich selbst auch einer bin. Und es ist eine Patchworkfamilie. Wie ich selbst aus einer stamme. Und die zentrale Aussage des Stückes ist für mich, dass obwohl die Figuren nicht „blutmäßig“ miteinander verwandt sind, sie stärker zu einander stehen, als es heutzutage in normalen Familien der Fall ist. Das finde ich so sensationell erzählenswert und ich wollte es unbedingt.
Aber die Regisseurin wollte mich für den etwas jüngeren Bruder besetzen, weil sie fand, ich sei zu jung. Und ich bestand darauf, den ROCK zu spielen. Ich sagte ihr, ich könne nicht fünf Wochen auf den Proben zusehen, wie jemand MEINE Rolle spielt. Natürlich hat sie mich dann gar nicht besetzt… Ich hab mir dann die Premiere angesehen. Puhhh. Es war nicht leicht, danach allen zu gratulieren. Und es war auch keine wirkliche Genugtuung, als mir die Regisseurin danach sagte, dass sie vielleicht anders hätte entscheiden sollen. Hilft nix… Das Stück is gespielt…
Aber hey! Wenn jetzt da draußen einer das liest und das Stück inszenieren möchte: ich bin dabei! Und inzwischen ein paar Jahre älter!!
(Malin wäre übrigens eine fantastische Noéma!)

Wenn du an den Beginn deiner Karriere zurückreisen könntest, was würdest du deinem jüngeren Ich auf den Weg geben?

Hm. Ich würde alles wieder so machen. Aber ich kann sagen, dass man Dinge braucht, die einem helfen, die enormen Schwankungen auszugleichen. Also zwischen Job haben, Job suchen und keinen Job bekommen. Geduld ist wohl das Wichtigste. Ungeduld führt zu Unzufriedenheit und dann is alles hin. Ich würde mir selbst raten, von Rainer Maria Rilke die „Briefe an einen jungen Dichter“ auswendig zu lernen. Ja, auswendig! Darin gibt es eine schöne Passage über Geduld: „Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne die Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch. Aber er kommt nur zu den Geduldigen…“.
Und dann heißt es: sei darauf vorbereitet!

Vielen Dank, Michael!

Vielen Dank, Dane, für Deine Fragen und dein Interesse an meinen Antworten!

(Mehr über Michael und seine Arbeit findet ihr auf seiner Homepage www.m-bernhard.com.)

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Foto von Bona Boda / Diana Hirsch http://www.bonaboda.es